Unbekannte Wegbereiterinnen

Schulhaus Eichliacker Bild: Winterthurer GlossarVor 100 Jahren, am 11. Mai 1915,  grndeten Arbeiterfrauen aus Tss im Schulhaus Eichliacker die Sozialistische Frauen und Tchterorganisation Tss. Matthias Erzinger erzhlt die Geschichte der SP-Frauengruppe in der Tssemer-Sonderausgabe zum Jubilum:

Mit dem Ausbruch des 1. Weltkrieges verschlechtert sich die Situation der Arbeiterfrauen in Tss zusehends. So werden Ida Peter, Pauline Dnki und andere aktiv. Obwohl sie keine politischen Rechte haben, prgen sie die Gemeindepolitik ber die SP. Aber es reicht ihnen nicht. Bereits vor der Grndung der Frauengrupp setzten die Frauen den SP-Mnnern, die in der damals noch selbstndigen Gemeinde Tss das Sagen hatten, Druck auf. Im Herbst setzten sie in der Partei eine Eingabe an den Gemeinderat durch, mit folgenden Forderungen:
Die Schaffung einer Volkskche.
Die Erweiterung der Speisung von Schlerinnen und Schlern.
Eine aktive Lebensmittelpolitik als Gegenaktion zur Preiswucherei.
Die Errichtung einer besonderen Frsorgestelle fr die Familien einberufener Wehrmnner und Notleidender berhaupt.
Die Erweiterung der brgerlichen Armenpflege.
Die Ausdehnung des Rechtsstillstandes auf die Ausweisung aus Wohnungen fr die Familien der Wehrmnner.
Ein Asylrecht der Gemeinde fr Auslnder.

Immer strker wird der Druck der Frauen, und so erfolgt am 11. Mai 1915 die Grndung der Sozialistische Frauen und Tchterorganisation Tss. Im Protokoll der Versammlung heisst es unter anderem: Durch die Ausgeschlossenheit der Frau wird auch der Mann stark gehindert und beeinflusst. Die Geschlechter sollen getrennt marschieren knnen, mssen nur vereint klagen. So wird die soziale Bewegung gefrdert. Und weiter: In den Geschften arbeiten sehr viele Frauen, wo vor dem Kriege nur mnnliches Personal angestellt war. Damit wird natrlich der Lohn heruntergedrckt. Man muss verlangen, dass Frauen den gleichen Lohn bekommen sollten wie die Mnner. Darum ist es dringend ntig, dass sich die Frauen organisieren. Vielfltig sind die Themen, mit denen sich die Tssemer Genossinnen befassen wollen. Sie reichen von der Einbrgerungsfrage ber Kinderfrsorge, Kinderspeisung, Frauenstimmrecht, Eheschliessung, die Ursachen des Schwachsinns und Prostitution bis zu Suglingspflege, Schulreform und Wohnungspolitik.

Initiative fr Frauenstimmrecht

Am 29. Mrz 1917 starten die Tssemer Arbeiterfrauen ihre erste grssere Initiative: Sie verlangen, dass die kantonale Parteileitung eine Intiative fr ein Frauenstimm- und Wahlrecht lanciert. Der Initiative der Frauen ist nur mssiger Erfolg beschieden. Immerhin beschliesst die SP-Kantonsratsfraktion spter eine entsprechende Motion. Auf schweizerischer Ebene sieht es jedoch fr die Frauen schlechter aus. Die Basler SP wendet sich gegen das Frauenstimmrecht. Und der Arbeiterinnenbund, die Dachorganisation der Frauengruppen, wird noch 1917 aufgelst und in die SPS eingegliedert. In Tss jedoch whrend anderswo die Frauengruppen serbeln , wchst die Mitgliederzahl konstant an. Unter der Leitung von Pauline Dnki ist die Frauengruppe besonders auf lokaler Ebene usserst erfolgreich. Innert krzester Zeit setzen sie verschiedene Anliegen um. So fordern die Frauen eine unentgeltliche Geburtshilfe durch Hebammen. Die Gemeindeversammlung stimmt zu, und erst die Eingemeindung von Tss 1922 in die Stadt Winterthur, im Quartier selbst mit berwltigendem Mehr gutgeheissen, macht diesen sozialen Fortschritt vorerst wieder zunichte. Auch ein Stillgeld von zwanzig Franken wird durch die Gemeinde Tss an Frauen entrichtet, die ihre Kinder stillen.

Anna Jenny, Tildi Bosshardt, Lilly Schiegg

Bis in die 1980er-Jahre existiert die Tssemer Frauenpartei. Wenn heute fr viele Frauen die Diskriminierung nicht mehr so allgegenwrtig ist, so haben die weitgehend unbekannten Pionierinnen dazu beigetragen. Zum Beispiel Anna Jenny, die Tochter eines Fabrikarbeiters aus Tss. Sie wird frh politisiert. 23-jhrig ist sie und arbeitet 1936 als Modistin in einer kleinen Hutfabrik an der Winterthurer Marktgasse. Sie arbeitet gerne wenn nur die stndige berzeit nicht wre. Auch zuhause kriegt sie deswegen rger. Der Vater glaubt ihr nicht, dass sie fast jeden Tag ein, zwei Stunden mehr arbeiten muss. Er vermutet, dass nicht berzeit, sondern ein Freund dahintersteckt, wenn Anna erst spt abends nach Hause kommt. Anna entscheidet sich zum Schritt nach vorne: Sie geht zum Patron und teilt ihm mit, dass die Arbeiterinnen in den Streik treten wrden, falls die berzeit in Zukunft nicht bezahlt und ausgeglichen werde. Damals ein ungeheuerlicher Schritt fr eine junge Frau, die gleichsam Stelle und Beruf aufs Spiel setzt denn wrde sie entlassen, fnde sie sicher in ihrem Beruf in Winterthur keine andere Stelle.
Ein weiteres Beispiel fr den hartnckigen Kampf fr das Frauenstimmrecht  ist Tildi Bosshardt, Frau des VHTL-Sekretrs und Kantonsrates Sepp Bosshardt. In den 1960er-Jahren wird sie bekannt, weil sie vor geschlossenen Eisenbahn-Barrieren Flugbltter verteilt vor allem immer wieder fr eine Gleichstellung der Frauen, aber auch andere Anliegen der SP Frauen.
Lilly Schiegg arbeitet im Hintergrund. Als Frau des SP-Stadtrates Franz Schiegg steht sie vielfach in dessen Schatten. Aber sie kmpft auf ihre Weise fr mehr Einfluss der Frauen in Politik und Gesellschaft. Sie organisiert die Aktivitten der SP Frauen Tss, Referate, Versammlungen, karitative Aktionen. Als Mitglied der SP Frauen wirkt sie in den verschiedenen Kommissionen mit. Coop-Genossenschaftsrat, Armenpflege, Kindergarten, Nhschulkommission, Hort, Mtterspendenkomission: Wo immer es mglich war, versuchten die SP Frauen aus Tss mitzureden, mitzubestimmen. Lilly Schiegg setzt sich aber auch innerhalb der Arbeiterbewegung fr mehr Rechte der Frauen ein. Nicht zuletzt auf ihre Initiative hin wird 1958 an der 1. Mai-Feier erstmals einer Frau fr zehn Minuten das Wort erteilt. Und nach der Einfhrung des Stimm- und Wahlrechtes fr Frauen auf Gemeindeebene fordert sie schon 1966, dass Frauen bei der SP ganz vorne auf den Listen platziert wrden. Eine Forderung, die erst zwanzig Jahre spter konsequent umgesetzt werden wird.

Die Liste knnte fast beliebig verlngert werden. Margrith Mller, Ivanka Zogg und Maria Pellicioli, um nur einige weitere zu nennen, haben zusammen mit unzhligen Frauen aus Tss fr die Rechte der Frauen gekmpft. Sie haben den Tssemer durch Gratisarbeit ermglicht und einen Beitrag fr etwas mehr Gerechtigkeit geleistet. Diesen unbekannten Wegbereiterinnen gilt es, fr ihren unermdlichen Einsatz zu danken.

Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 18. Februar 2015 um 10:11 Uhr
 

Suche

Folgt uns auf

FacebookTwitter